5. Verständigungspolitisches Begegnungsseminar

„Ohne Begeisterung geschah nichts Großes und Gutes auf der Erde...“ 
(Johann Gottfried von Herder)
 
Dieses Herderzitat  war während des „5. Verständigungspolitischen Begegnungsseminars Deutschland – Polen“ infolge seiner starken Aussagekraft der inhaltliche Kern, mit dem die verschiedenen Veranstaltungen immer wieder in enger Verbindung standen. 
Generell zeigte sich während dieses 5. Seminars erneut die prinzipielle Richtigkeit, gerade Mohrungen (Morag) in Ermland-Masuren (Ostpreußen) als Seminarort ausgewählt und in direkter Verbindung damit das Grundlagenbuch über Mohrungen und Herder der Öffentlichkeit bereits im Jahre 2007 übergeben zu haben, nämlich „Johann Gottfried Herder. Wir auf dem Weg zu dir. Von Mohrungen bis Weimar. Wahres und Mögliches“ (von Christine und Fred Manthey). Die Redaktion dafür hatte die Arbeitsgruppe „Jugend und Schule“ im Bund der Vertriebenen, Landesverband Thüringen e.V. Der UND-Verlag, Stadtroda, fungierte als Verlag (http://www.Und-Verlag.de; ISBN 978-3-927437-30-2).
Interessierte können das  Buch in der ganzen Welt – dank der Hilfe des BdV Thüringen –  im Internet unter dem Link herder-buch.pdf  kostenfrei lesen.
 
Die kilometermäßige Entfernung von der Klassikerstadt Weimar - unweit der thüringischen Hauptstadt Erfurt gelegen - bis zur Herderstadt Mohrungen, also jenem Ort der Geburt, der Kindheit und der frühen Jugend Johann Gottfried Herders, ist zwar mit fast 1.000 km nicht zu unterschätzen. Aber:  Mohrungen (Morag) kann, was Weimar im realen Leben bereits zeigt, bei noch intensiverer offizieller und privater touristisch-kultureller Tätigkeit  durchaus weiter an internationaler Bedeutung, vielleicht sogar über die Europäische Union hinaus, gewinnen. Grundlagen dafür existieren bereits (materielle und personelle) in großer Menge.
 
Diese Situation führte uns bereits vor einigen Jahren dazu, den Vorschlag zu unterbreiten, die Stadt Mohrungen/Morag mit dem Ehrennamen „Herder“ zu benennen. Das sollte zum Beispiel gelten für die Ortsschilder an den Stadtein- und –ausfahrten, auf den Schildern der in der Nähe vorbeiführenden internationalen Fernverkehrsstraße, auf den offiziellen „Kopfbögen“ der Stadtverwaltung/des Rathauses und der in der Stadt aktiven Vereine. Besonders werbewirksam wären auch Briefmarken, die Herder vor wichtigen Mohrunger Gebäuden zeigen (z.B. Herder vor dem Rathaus, Herder vor dem Dohna-Schlösschen usw.; vgl. unser Herder-Buch, S. 15, mit der Briefmarke, auf der Goethe, Schiller, Herder und Wieland vor dem Weimarer Theater dargestellt sind).
Diese und weitere Gedanken haben wir jetzt erneut aufgegriffen und bei unserem Besuch am 27.05.2016 zunächst der Leitung der deutschen Minderheit (Herderverein der deutschen Bevölkerung), also Frau und Herrn Manka, vorgetragen und diskutiert, um das Treffen mit dem Vizebürgermeister der Stadt vor allem inhaltlich vorzubereiten.
Dieses Informationsgespräch mit dem 2. Bürgermeister von Morag, mit Herrn Leszek Biernacki, fand dann auch am 28.05.2016 in dem Beratungsraum der deutschen Minderheit in sehr konstruktiver Atmosphäre statt. Wir hatten so die Möglichkeit, unsere Ideen und Vorschläge – auch dank der Übersetzung durch Familie Manka – hinsichtlich der „Herderstadt“ vorzutragen (s.o.). Wir konnten die Problematik auch mit dem Herderwort verbinden: „Der Mensch muss nach etwas Höherem streben, damit er nicht unter sich sinke.“ 
 
 
 
 
 
Dieses Höhere ließ sich auch sehr schön mit folgenden Jahrestagen verbinden, nämlich mit dem 25. Jahrestag des politischen „Weimarer Dreiecks“, also mit den internationalen Bestrebungen von Deutschland, Frankreich und Polen. Das führte uns zu der erweiterten Konstruktion des Dreiecks: Morag (als Herderstadt) – Erfurt (als thüringische Hauptstadt mit Landtag und BdV – Universitätsstadt Gießen mit seiner „Herderschule“ (seit 1954 Partnerstadt von Morag und zugleich Sitz des Archivs der Kreisgemeinschaft Mohrungen in Deutschland).  
Verantwortliche aus diesen drei Städten könnten in regelmäßigen Abständen über Konzeptionen und Lösungen für die Herderstadt Mor?g beraten, beschließen und diese realisieren. Das sollte ganz im Sinne der Gründungserklärung des „Weimarer Dreiecks“ vom 28.8.1991 erfolgen, nämlich: „Wir wollen eine umfassende Politik der Zusammenarbeit in den Bereichen der Kultur, der Bildung, der Wissenschaft, der Medien und der Austauschprogramme…“
Für eine zukünftige Herderstadt hieße dies ganz praktisch u.a., dass die beabsichtigte Ergänzung durch den Ehrennamen neben der polnischen Sprache auch in Deutsch und Französisch, sicher auch in Englisch, erfolgen sollte.
Die Beratung mit dem Vizebürgermeister gründete sich auch auf den ebenfalls 25jährigen deutsch-polnischen Vertrag über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit vom 17. Juni 1991. 
Die folgende aktuelle Aussage - gemeinsam von J. Bleicker (Auswärtiges Amt) und C. Krol (polnisches Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten) - ist für das Projekt „Morag – miasto Herdera“ ausgesprochen förderlich: 
„Das Jubiläumsjahr ist ein Anlass, auch nach vorne zu blicken, über die zukünftige Ausgestaltung unserer Beziehungen zu sprechen und gemeinsam nach Lösungen für die Herausforderungen unserer Zeit zu suchen.“ Gemeinsam blickten wir in unserer Beratung nach vorn und fanden in Herrn Leszek Biernacki einen hinsichtlich unserer Vorstellungen ausgesprochen interessierten Kommunalpolitiker. Es dürfte für die zukünftige endgültige Entscheidung durch die Verantwortlichen von besonderer Wichtigkeit sein, dass es wohl gelungen ist, Herders Schaffen dort einzuordnen, wo es hingehört, nämlich als europäisch und international.  Unabhängig davon ist und bleibt der lokale Ursprung Johann Gottfried Herders in Mohrungen (verbunden mit seinem Geburtstag, dem 25. August 1744), und deshalb verdient diese Stadt auch ihre Würdigung als Herderstadt, miasto Herdera. Wir hoffen auf eine zukunftsträchtige Lösung!
Zu dem obigen Thema passte sehr gut unser erneuter Besuch in dem jetzigen Kruczkowski-Lyzeum, der ehemaligen Herderschule. Der stellvertretende Direktor begrüßte uns herzlich und führte uns vorbei an dem Herderbild – von dem Mitglied der AG „Jugend und Schule“, Herrn Bednarek, gemalt und von uns bei einer der zurückliegenden Fortbildungsveranstaltungen der Schulleitung überreicht. Der stv. Direktor geleitete uns dann weiter über die „Herderstraße“ (einen Schulkorridor) mit wichtigen Fotografien aus dem Leben des Philosophen, Theologen, Dichters, Sprachwissenschaftlers Herder hinauf zur Aula, die vor wenigen Jahren mit einem großen Festprogramm feierlich zur Herderaula ernannt worden war.  
Bevor man diesen Saal betritt, begrüßen ein großes Bild von Herder  - eine Radierung von dem einstigen deutschen Herderschüler und späteren Professor Bondzin – und ein Zitat von Herder in polnischer und deutscher Sprache die Besucher. Günstig war es sicher, an dieses Beispiel einer Herder-Namensgebung den Vizebürgermeister von Morag – gewissermaßen als Vorbild für eine positive Lösung – ebenfalls zu erinnern.
Es sei auch erwähnt, dass wir das Dohna-Schlösschen mit dem Herder-Museum, einem der geistigen Mittelpunkte der Stadt, besucht und beste Grüße der dortigen Direktorin, Frau Bartosc, übermittelt haben. 
 
Nach einem ökumenischen Gottesdienst fand am 28.05.2016 das Sommerfest des Herdervereins Mohrungen auf dem Pfarrgelände in Szymonowo (Simnau) statt.  Interessant war, dass der Geistliche sogar einen kleinen Teil der Messe in deutscher Sprache vortrug und so dem Anliegen des deutschen Sommerfestes für die deutsche Minderheit in besonderer Weise entsprach. Gleichzeitig bestätigte dies die weitreichende Bedeutung von Seminaren in Deutsch; denn der besagte Priester hatte an unserer zurückliegenden Veranstaltung als sehr interessierter „Schüler“ teilgenommen. 
 
 
 
In dem Gemeinderaum herrschte eine großartige Gastfreundschaft: kurze Festansprache der Vorsitzenden, Frau Manka, mit Grußworten des Stellvertreters des Bürgermeisters und von uns sowie die überreich gestaltete Festtafel. Vervollständigt wurde die versammelte Gesellschaft durch deutsche Touristen, die einst in Ostpreußen lebten und jetzt mit Hilfe einer einstigen Mohrunger Familie (Gräf) den Kontakt zur deutschen Herder-Gesellschaft herstellen wollten. Die deutschen Gespräche in der bunten Runde betrafen in vielfältiger Mischung viele Themen und Zeiten, so dass eine ausgesprochen aufgeschlossene Atmosphäre im Raum herrschte. Eine kleine Musikgruppe spielte sogar in einem Zelt zum Tanz auf.
Ergreifend war dann die Verabschiedung der Gäste aus Deutschland. Alle Teilnehmer des Sommerfestes  hatten sich im Kreis aufgestellt, und der deutsche Akkordeonspieler intonierte das Ostpreußenlied.  Es erklang die erste Strophe des bekannten Liedes, das Anfang der 30er Jahre geschrieben worden war.
„Land der dunklen Wälder
und kristallnen Seen;
über weite Felder
lichte Wunder gehn.“
 
Resümee der Morager Tage  war auch in diesem Jahr wieder: 
Wir können uns sicher nicht allein auf „lichte Wunder“ verlassen, sondern müssen gemeinsam,  mit Begeisterung, wie Herder es sagt (vgl. Überschrift), uns den anstehenden Aufgaben zuwenden und so Großes und Gutes auf der Erde tun. Und auch das im Herderschen Sinne: Wir wollen – selbst in schwieriger Situation - hoffen und handeln.
 
 
Dr. Christine Manthey
Prof. Dr. habil. Fred Manthey