Breslau, Stadt an der Oder

Zum 29. September 2012 hat die deutsche Minderheit in Polen zu ihrem IV. Kulturfestival nach Breslau eingeladen. Eine Gruppe von Heimatvertriebenen aus Thüringen ist dieser Einladung gefolgt. Über 80 Personen sind aus verschiedenen Städten mit 2 Bussen dorthin gefahren und haben damit ihre Heimatverbundenheit gezeigt. Herr und Frau Scholz aus Blankenhain haben dazu eine Sammelaktion für bedürftige in Ohlau - Herr Scholz stammt aus Ohlau - durchgeführt und diese dem Gemeinderat übergeben. Das war kein Problem, da wir in Ohlau unser Quartier, ein schönes Hotel mit guter Gastronomie und geräumigen Zimmern, hatten.
Am nächsten Tag, Sonnabend, den 29.09.12, ging es dann nach Breslau. Wir besuchten die Heilige Messe, die vom Erzbischof, der auch für die Gläubigen der deutschen Minderheit zuständig ist, zelebriert wurde. Die Predigt hielt der Bischof von Breslau in deutscher Sprache. Er sprach über die Entwicklung Schlesiens durch die Deutschen und deren hoch entwickelte Kultur. Dieses kulturelle Erbe gilt es jetzt durch die heute hier lebende Bevölkerung wieder zum Bewusstsein kommen zu lassen und für spätere Generationen in Polen und Deutschland zu erhalten. Dieses würdige und eindrucksvolle Pontifikalamt war für die im Dom anwesenden Deutschen und Polen ein ergreifendes Erlebnis. Danach, noch in Hochstimmung von der Heiligen Messe, fuhren wir zur Jahrhunderthalle, wo das Festival begann.
Diese Halle, 1912 von Deutschen gebaut, von Polen als Weltkulturerbe beantragt und von der UNESCO erteilt bekommen, beeindruckt durch seine Größe und Klarheit der Konstruktion. Die Eröffnungsrede wurde von der Vorsitzenden der sozial-kulturellen Gesellschaft Frau Renata Zajaczkowska (Bildmitte) gehalten. Danach sprach der Vorsitzende des Verbandes der Deutschen in Polen Bernhard Gaida. 
 
Er sprach von den großen Fortschritten im Zusammenleben zwischen den Polen und den Deutschen als Minderheit in Polen. Nannte aber auch die noch bestehenden Schwierigkeiten und Hindernisse in diesem Verhältnis. Grußworte übermittelte Dr. Christoff Bergner. Als Vertreter Polens sprachen der Woiwode von Niederschlesien und der deutsche Botschafter in der Republik Polen. Für die erfolgreiche Zusammenarbeit wurden deutsche und polnische Bürger geehrt und ausgezeichnet. Dieser politische Teil der Veranstaltung wurde mit dem Singen der Nationalhymnen Polens und Deutschlands sowie der Europahymne „Freude schöner Götterfunken“ abgeschlossen.
 
Nun begann das umfangreiche Kulturprogramm mit Solisten, Chören, Kapellen und Tanzgruppen aus den verschiedenen Teilen Polens und den Darbietungen der deutschen Minderheit. Insgesamt haben 23 verschiedene Künstler und Künstlergruppen mitgewirkt. Ausstellungen über die Geschichte, über touristische Reisen, Folklore und natürlich gastronomische schlesische Gerichte und Getränke wurden in den Wandelgängen und Nebenräumen angeboten.
Hier wurden zwischen den einzelnen Gruppen und Teilnehmern auch interessante Gespräche geführt und das Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt. Als Höhepunkt der kulturellen Veranstaltung wurde der Auftritt von Heino insbesondere von den in der Heimat verbliebenen Deutschen empfunden. Der Künstler hat mit seinem Liederrepertoire von seinen Schlagern, über deutsche Volkslieder bis zum Schlesierlied alle 8000 Teilnehmer in dem prall gefüllten Saal begeistert. Das drückte sich vor allem im kräftigen Mitsingen der lange nur im Geheimen gesungenen Volkslieder aus. Mit dem gemeinsamen Auftritt aller Künstler zusammen mit Heino klang dieses Festival aus.
 
Am 30. September war eine Stadtrundfahrt mit dem Bus und anschließend ein Stadtrundgang durch die restaurierte Innenstadt angesagt. Wir trafen uns mit der Stadtführerin an der Oper. Sie entschuldigte sich, weil ihr Deutsch nicht immer grammatikalisch richtig ist, aber das ist auch eine Folge der Unterdrückung der deutschen Sprache in ihrer Jugendzeit. Wir haben sie jedoch immer gut verstanden. Zunächst ging die Fahrt zum neuen, restaurierten Hauptbahnhof, weiter zum jüdischen Friedhof und zum Stadion, das für die Fußball EM 2012 neu errichtet wurde. Auch einen Teil des Autobahnringes um Breslau mit einer beeindruckenden Hängebrücke über die Oder haben wir mit dem Bus befahren, bevor es wieder in die Stadtmitte mit den restaurierten Häusern ging. Leider konnten wir die vorgenannten Einrichtungen nur vom Bus aus betrachten, da am Nationalmuseum auf der Oderinsel erst der Rundgang durch die Altstadt begann. Von der ehemaligen Festung über die Oder hinweg war der Dom und die Sandkirche mit ihrer schönen Uferbebauung zu sehen. Dann ging es zum Ursulinen Kloster weiter, in das Jesuitenkolleg mit der im barocken Stil erbauten Kirche. Zuvor haben wir noch die Markthalle, die 1908 im Stil der 1910 erbauten Kaiserbrücke gebaut wurde und schließlich die Jahrhunderthalle, die 1912 errichtet wurde, besucht. Vorbei am Fechterbrunnen erreichten wir die Universität Lepoldina. Im Auditorium Maximum konnten wir die im Original erhaltenen Ausmalungen, Figuren, Bilder und das Mobilar betrachten und erlebten durch die ausführlichen Erläuterungen unserer Stadtführerin, die selbst hier studierte, ein lebendiges Bild vom Leben in der Universität. Weiter ging es durch die Altstadt zum Fleischmarkt. Die hier in Bronze aufgestellten Tiere vom Schwein, Ziege bis zum Hahn sollen ein Denkmal für die hier geschlachteten Tier sein. Die meiste Freude bereitet es den Kindern, die auf ihnen herumreiten und eine gute Vorstellung bekommen. Einen großen Eindruck macht die mächtige Elisabethkirche, äußerlich sieht man noch die inzwischen vernarbten Wunden im Mauerwerk, die der 2. Weltkrieg und Brände im vorigen Jahrhundert geschlagen haben. Im Inneren ist der Reichtum der Bürger mit eigenen Altären und der schwarzen Madonna als Altarbild ein Ausdruck der Besonderheit dieser Kirche. Auch der Papst Johannes Paul II hat diesen Ort besucht, was durch eine Büste in der Kirche dargestellt wird. Weiter im Freien bei schönem Wetter gehen wir zwischen den Häusern „Hänsel und Gretel“ auf den Altstädter Ring, dem zweitgrößten Marktplatz Polens. Hier sind die restaurierten Häuser rings um das alte und neue Rathaus mit ihren Geschäften, Restaurants und Cafe’s zu bewundern. Als Höhepunkt ist das Alte Rathaus mit der Gaststätte „Schweidnitzer Keller“ zu betrachten. Im Kontrast zu diesem Ensemble steht der moderne Brunnen vor dem Neuen Rathaus. Über dem Salzmarkt kommen wir zum Schloss. In ihm, von dem die Geschicke Preußens einige Jahre geleitet wurden, ist heute ein Museum über die Geschichte Schlesiens und der Stadt Breslau eingerichtet. Nicht weit vom Schloss ist die Synagoge, doch hier ist die Zeit so weit, dass wir uns an unseren Treffpunkt begeben müssen. Müde und glücklich, diese schöne und wieder in altem Glanz erblühende Stadt gesehen zu haben, fahren wir in unser Quartier.
Am 01. Oktober, dem Tag unserer Heimreise, sind wir alle noch von der Stadt Breslau und den Erlebnissen beim Festival der deutschen Minderheit angetan. Wir nehmen mit, dass eine friedliche Entwicklung zwischen Polen und Deutschland unter der Entwicklung eines freien Europas die Schmerzen und Wunden verheilen, aber nicht vergessen lässt.
 
Reinhard Pötzl