Geschichtsunterricht im Schloss Breitungen

Mit Flucht und Vertreibung befassen sich Zehntklässler der Breitunger Regelschule.
Zur Ergänzung des Unterrichtstoffs schauten sie sich die Ausstellung des Bundes der Vertriebenen im Schloss an.
von Annett Recknagel
 

Unterricht einmal anders: Aus dem Klassenraum hatten die Zehntklässler der örtlichen Regelschule zwei Geschichtsstunden ins Breitunger Schloss verlegt. Anstelle der Pädagogen übernahmen BdV-Kunstpreisträger Helmut Bednarek und Wilhelm Geretzky die Rolle der Lehrer. Letztgenanntem fiel das nicht schwer, er unterrichtete in seiner aktiven Zeit Russisch und Geschichte.

Beide Breitunger Männer engagieren sich im Bund der Vertriebenen (BdV). Mit Flucht und Vertreibung beschäftigen sich derzeit auch die Zehntklässler der Breitunger Regelschule und waren deshalb sehr dankbar, zu diesem Stoff zusätzliche Informationen zu erhalten. Sie schauten sich einen von Helmut Bednarek gedrehten Film an, in dem er Zeitzeugen zur Flucht und Vertreibung befragte, und hörten von Bednarek und Geretzky über Erlebtes in den ehemaligen deutschen Gebieten. So werde in Oberschlesien von der dort lebenden deutschen Minderheit wieder deutsch gesprochen, berichteten die Männer. Insbesondere mit Schulen in Polen arbeite der Bund der Vertriebenen eng zusammen und habe erlebt, wie dort die deutsche Geschichte im Unterricht berücksichtigt werde.
Nach der Kapitulation Hitlerdeutschlands wurden 15 Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertrieben, weitere zwei Millionen deportierte man zur Zwangsarbeit. "Uns hat man nach 1945 auch viel erzählt, was leider nicht stimmte", betonte Wilhelm Geretzky. Seiner Ansicht nach dürften junge Menschen nie wieder ahnungslos in die Zukunft hineinlaufen. "Ihr könnt heute nach Frankreich fahren und werdet dort nicht mehr als Feinde betrachtet", sagte der Breitunger den Jugendlichen. Dies sei eine große Errungenschaft, die es jetzt auf die Beziehungen zu Polen zu übertragen gelte. Für ihn sei es immer wieder eindrucksvoll gewesen, wenn er in Schlesien Menschen von ihren Freunden in Thüringen reden gehört habe, erzählte Geretzky. Gemeinsam schauten sich Schüler und Lehrer nach Film und Vortrag die Ausstellung zu "Flucht und Vertreibung" im Breitunger Schloss an. "Ein Drittel aller Breitunger kamen als Vertriebene hier an", auf diesen Fakt wies der früherer Geschichtslehrer besonders hin. Einige Personen wie etwa der frühere Bürgermeister Günter Hirsch oder Apotheker Siegfried Kluge waren den Jugendlichen bekannt.
"Uns ist es sehr wichtig, die jungen Leute für diese Thematik zu sensibilisieren", sagte Helmut Bednarek. Seiner Meinung nach gehöre dieser Stoff verstärkt an die Schulen. Wilhelm Geretzky wies auf die Aktualität des Themas hin: "Wir sollten alle Sorge dafür tragen, dass solche Dinge hier in Europa nicht mehr geschehen." Im Landkreis Schmalkalden-Meiningen gebe es die Kreisgruppen der Schlesier, Pommern und Ostpreußen, zu denen jeweils etwa 25 Mitglieder gehörten, die sich in ihren Orten regelmäßig träfen.
Die Breitunger Ortsgruppe des Bundes der Vertriebenen umfasst momentan 49 Mitglieder. Sie hat sich in diesem Jahr wieder einige Ziele gesteckt. Im April beispielsweise soll eine Informationsveranstaltung stattfinden, im Mai will man zum Festival der Landsmannschaften nach Arnstadt fahren. Die mit den Schülern betrachtete Ausstellung im Schloss wollen die Breitunger dann mitnehmen, teilte Geretzky mit. Auch das Gothaer Schloss wollen sich die Vereinsmitglieder in diesem Jahr anschauen. Im September steht ein Ausflug zum Tag der Heimat nach Bad Blankenburg an.