Wie sich Flucht und Vertreibung auf die Kinder- und Enkelgenerationen auswirken

Bereits in den fünfziger Jahren galten die Flucht- und Vertreibungsschicksale von 15 Millionen Deutschen Vielen als verarbeitet. Ihre Integration schien geglückt, sie lebten unauffällig. Im Westen waren sie damit beschäftigt, das Wirtschaftswunder zu bewerkstelligen. Und in der DDR durfte es aus ideologischen Gründen Vertriebene nicht geben, man sprach verklausulierend von „Umsiedlern“. Oberflächlich betrachtet schien also alles geregelt. Der Kalte Krieg leistete ein Übriges und zementierte für mindestens fünf Jahrzehnte ein einschichtiges Täter-Opfer-Denken entlang des Eisernen Vorhangs. Deutsche als Opfer? Das durfte nicht sein!  
Heute sind viele Deutsche der Meinung, das Thema werde sich mit dem Abtreten der Erlebnisgeneration von der historischen Bühne bald endgültig erledigen. Aber: diese Annahme erweist sich zunehmend als Illusion. Immer mehr Angehörige der mittleren Generation nämlich entdecken tiefe Spuren des Schicksals der Eltern im eigenen Leben, obwohl sie doch viele Jahre nach dem Ende des Krieges und der Vertreibungen zur Welt kamen. Sie nennen sich selbst „Kriegsenkel“ oder „Vertriebenen-Enkel“ und sie begreifen: die Folgen des Krieges wurden von ihren Eltern an ihre Nachkommen weitergereicht. Die tiefen Traumatisierungen von Krieg, Flucht und Vertreibung wirken noch Jahrzehnte später, bis hinein in Gesellschaft und Politik.
Die Tatsache, dass die Folgen der furchtbaren Ereignisse während und nach dem Zweiten Weltkrieg die Generationsgrenzen überspringen können, wollte man lange nicht wahrhaben. Heute wird auch seitens der Forschung nicht mehr daran gezweifelt. In den Sozialwissenschaften und der Psychologie wird das Phänomen seit einigen Jahren mit dem Fachbegriff „transgenerationale Weitergabe kriegsbedingter Traumatisierungen“ beschrieben. Damit erkennt die Wissenschaft an, dass auch die Generation der heute ungefähr 30-60 Jährigen von den Flucht- und Vertreibungserfahrungen der Eltern betroffen ist.
Meine Arbeit verstehe ich auch als Plädoyer dafür, die Marginalisierung zu überwinden, der das Thema Flucht und Vertreibung immer noch ausgesetzt ist. Es geht um eine Anerkennung dessen, was geschehen ist genau so wie um die Anerkennung der Einflüsse, die dieses Geschehen auf die Nach-Erlebnisgenerationen ausübt. Bedrückende Erfahrungen wie auch die quälenden Folgen solcher Erfahrungen nicht mehr für sich behalten müssen, sie ausdrücken und damit allmählich loslassen zu dürfen, wirkt heilend und hilft dabei, die Bürde des Traumas loszuwerden. Dabei ist ganz unerheblich, ob es sich um Selbsterlebtes oder – wie die transgenerationale Forschung mittlerweile bewiesen hat – um dessen vererbten Schatten handelt.
 
Dr. Joachim Süss,
Theologe und Publizist, Mitbegründer des zurzeit im Aufbau befindlichen Berliner Instituts für Traumafolgen in den Nachkriegsgenerationen