Ein lobenswertes Forschungsprojekt

Ein lobenswertes Forschungsprojekt am Jenaer Uni-Institut für Sozialwissenschaften und Sozialpädagogik über die historischen Lehren von Flucht und Vertreibung.

Am 01. Februar 2016 empfingen die Masterstudentinnen Madlen Eisenhut und Sandra Brünner im Institut „Am Planetarium 4“ in Jena 8 Mitglieder der AG Jugend und Schule im BdV Landesverband Thüringen zu einer Gruppendiskussion über Flucht- und Vertreibungserlebnisse, die bestimmenden Entscheidungen für die Lebensgestaltung danach und die gesellschaftlichen Maßnahmen für eine erfolgreiche Integration der Betroffenen.

Über die persönlichen Flucht- und Vertreibungserlebnisse berichteten die Oberstudienräte Peter Gallwitz und Armin Mühle (aus Breslau), Prof. Dr. Fred Manthey (aus Pommern), Bauingenieur Horst Jüngling (aus Schlesien) und Diplompädagoge für Geschichte Wilhelm Geretzky (aus dem Sudetenland). Aus der Sicht der Thüringer Bevölkerung erinnerten Dr. Christine Manthey und die Juristin Margarete Schönfeldt an die Bedürfnisse, an das Verhalten der Flüchtlinge und Vertriebener und an die Hilfsleistungen der ansässigen Menschen. Für das Studienprojekt primär wichtiger sind aber die Erkenntnisse der Zeitzeugen von damals für heute, die Lehren und Hinweise für eine rasche und erfolgreiche Bewältigung der aktuellen Flüchtlingsströme.

 

Entscheidend für die gelungene Integration von Millionen im zerstörten Deutschland waren das Verhalten, die berufliche Tätigkeit  und die hohe Lern- und Arbeitsbereitschaft. Die deutschen Heimatvertriebenen rebellierten nicht, wie das Stalin erhoffte, sondern waren zu jeder gebotenen Arbeit bereit. Der Lernwille und die Arbeitsbereitschaft, vor allem der jungen Umsiedler, waren besonders groß. 14 Millionen Vertriebene haben Deutschland im Osten und im Westen grundlegend und positiv verändert. Die Charta der deutschen Heimatvertriebenen vom 05. August 1950, in Nürnberg verkündet, wurde eine Willensbekundung und in ihrer Wirkung so bedeutsam wie das Grundgesetz der BRD. Besitzlos, aber einsatz- und lernbereit, auch erfahren im Umgang mit anderen Volksgruppen in den östlichen deutschen Gebieten, waren sie bereit, anspruchsvolle gesellschaftliche Funktionen zu übernehmen. Integration kann nur gelingen, wenn hohe Leistungen gefordert und vollbracht werden und wenn Lernwille und Anpassungsfähigkeit vorhanden sind.

 

Was haben Sie sich damals beim schweren Anfang von staatlicher Seite gewünscht?

Der aufnehmende Staat muss den Integrationsprozess straff und umfassend planen, steuern, finanzieren und kontrollieren. In der BRD dauerte der Integrationsprozess über 30 Jahre, obwohl es an Arbeitskräften mangelte, obwohl es den BHE – eine Partei der Vertriebenen und einen Vertriebenenminister gab. Viele junge Neubürger konnten aus finanziellem Mangel nicht studieren. In der DDR konnte mehr als 1/3 studieren, vorausgesetzt, dass sie hohe Leistungsbereitschaft zeigten und die Ziele des Staates anerkannten. Die Studienjahre waren durch Stipendium und Leistungszuschläge gesichert. Der Flüchtlingsstrom darf nicht zu isolierten Parallelgesellschaften und Sonderkulturen führen, die unausweichlich soziale Sprengkraft erzeugen. Zur staatlichen Fürsorge, Bildung und Förderung gehören unbedingt die parallele elterliche und nachbarliche pädagogische Erziehung zur Anerkennung der sozial-kulturellen Werte im Aufnahmeland. Für das friedliche Zusammenleben der Völker in der Europäischen Gemeinschaft gehört auch die rechtlich garantierte Durchsetzung der Volksgruppen- und Minderheitenrechte; Sprache, Kultur und Brauchtum müssen finanziell gefördert werden. Ihre Missachtung führte immer zu gefährlichen Konflikten.

 

Wir danken der Studiengruppe für ihre Entscheidung, dieses wichtige Thema zu behandeln und öffentlichkeitswirksam zu machen und dafür erfahrene und verantwortungsbewusste Zeitzeugen zu Rate zu ziehen.

W. Geretzky